Der Maskenpriester der Iyo

Prolog

ngespannt horchte Thel in sich hinein. Es war noch keine halbe Stunde vergangen, seit er das Tunnelsystem hinter sich gelassen hatte, doch die Kälte in seiner rechten Hand nahm bereits zu. Begleitet von dem Kribbeln und Ziehen, das ihm mittlerweile nur allzu vertraut geworden war, versuchte sie, seinen Arm hinaufzukriechen.
Thel konzentrierte sich. Mit starr nach vorn gerichtetem Blick stapfte er über den vor Trockenheit aufgeworfenen Boden und hielt dabei auf die Umrisse eines Felsblocks zu, die sich vor ihm aus der Dunkelheit schälten.

»Herr, seid Ihr sicher, dass Ihr das Richtige tut?«, wimmerte Borglan nun schon zum wiederholten Male. »Wieso wartet Ihr nicht noch? Ihr seid doch so nah dran.«
Das Tuch, das er zum Schutz vor Mund und Nase geschlungen hatte, verwandelte die Worte in undeutliches Genuschel.
Einmal mehr an diesem Morgen wischte Thel den Staub von seiner Augenblende und spähte durch das trübe Glas hindurch. Neben ihm wankte Borglan - verkrümmt und die Faust fest auf seinen Oberbauch gepresst. Offensichtlich hatte er Mühe, das Tempo zu halten. Schon seit sie aufgebrochen waren klagte der Diener über Unwohlsein und einen stechenden Schmerz in der Magengegend. Die Angst schien ihm mächtig zuzusetzen.
Thel wandte den Blick wieder nach vorn.
»Verzeih mir, mein treuer Gefährte.«
Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte er sich weiter durch Staub und Geröll, in Gedanken seinem Begleiter Abbitte leistend. Borglans Pein ließ ihn nicht unberührt. Das, was er heute von ihm verlangte, war mit Sicherheit nicht leicht, aber hatte er denn eine andere Wahl?
Nein! Sein Entschluss stand fest. Er konnte diese eine, diese letzte Möglichkeit nicht unversucht lassen. Er durfte es nicht. Viel zu viel hing davon ab.
»Ich bin weit gekommen, das ist wohl wahr.«
Auch Thels Stimme klang gedämpft. Er hatte sein Gesicht ebenso vermummt wie der Dienstbote, und das war auch gut so. Obwohl sich der Himmel am Horizont bereits verfärbte und mit seinem Rotviolett den nahenden Tag ankündigte, trieben die Nachtstürme noch Unmengen feinsten Gesteinsmehls über das Ödland. Nur Narren oder Lebensmüde würden sich vor Tagesanbruch ohne Schutz in die Windige Ebene wagen.
Wieder fühlte Thel die Kälte in seiner Hand und er zwang sich, die tauben Finger zu bewegen. Dann schüttelte er den Kopf.
»Nicht weit genug, Borglan«, dachte er traurig. »Leider nicht weit genug.«
Laut sagte er: »Wir sind bald da.«

Allmählich wurde es hell um sie herum und endlich legte sich auch der Sturm. Thel schob die Augenblende nach oben. Gemächlich befreite er sich von den Tüchern, die er jetzt genauso wenig mehr benötigte wie die Kapuze, die sein langes, weißblaues Haar gegen den Staub abgeschirmt hatte. Borglan folgte dem Beispiel seines Herrn und entledigte sich ebenfalls der nutzlos gewordenen Kleidungsstücke. Die letzten Schritte legten sie schweigend zurück. Erst unmittelbar neben dem kleinen, vom Wind flachgeschliffenen Felsmassiv blieben sie stehen.
»Hier also?«
Borglans Stimme zitterte. Mit unverkennbarem Widerwillen betrachtete er den Naturaltar, dann schaute er auf.
Thel nickte. Ja, dieser Platz hier war optimal. Nahe genug der Heimat, deren Anblick ihm die nötige Kraft verlieh, und doch weit genug entfernt, als dass man ihn aufspüren könnte.
Er musterte seinen Begleiter, der ihm heute blasser erschien als üblich. Borglans Gesicht hatte beinah schon einen grünlichen Schimmer angenommen - zumindest der rechte Teil, der nicht von der dunklen Halbmaske verdeckt wurde. Doch unter die Angst des Dieners mischte sich jetzt jenes entrückte Verzücken, das immer dann in Borglans Augen trat, wenn er seinen Herrn ansah. Ein wenig verstimmt zog Thel die Brauen nach oben.
»Was ist? Hast du dich noch immer nicht daran gewöhnt?«
Borglan schrumpelte in sich zusammen.
»Verzeiht mir, Herr. Es ist nur...«, stotterte er und beugte sein Haupt bis fast auf den Boden. »Euer Gesicht..., diese Unbeflecktheit..., sie lässt mich jedesmal vergessen, dass auch Ihr nur ein Sterblicher seid. Manchmal kommt es mir vor, als wäre einer unserer Vorfahren zurückgekehrt... oder irgendein übernatürliches Wesen.«
Thel schenkte ihm ein nachsichtiges Lächeln. Eigentlich sollte Borglan sich mittlerweile damit abgefunden haben, dass sein Herr keine Maske mehr trug, ja nicht einmal die Entstellungen aufwies, die sich normalerweise darunter verbargen. Aber es gelang ihm wohl einfach nicht.
»Ihr seid so... vollkommen«, hauchte der Diener und das Leuchten in seinem Blick gewann an Stärke.
»Vollkommen?« Thel seufzte gequält. »Ach Borglan..., ich wünschte, es wäre so.«
Zögernd schob er den rechten Ärmel seiner Robe nach oben und entblößte so einen schlanken, sehnigen Arm mit weißer Haut von der Schulter bis hinab zum Handgelenk. Doch der Rest...? Er schüttelte sich vor Abscheu. Eine grässlich deformierte Klaue mit vier knochigen Fingern befand sich an jener Stelle, wo er lieber eine gewöhnliche Hand gesehen hätte. Schorf umspannte diesen fast wie etwas Abgestorbenes wirkenden Teil seines Körpers, rotschwarz eingetrocknetes Blut, das man jedoch nicht entfernen konnte, so sehr man sich auch bemühte.
»Es ist doch nur diese eine Hand«, murmelte Borglan und starrte stumpfsinnig auf die Klaue seines Gebieters.
Thel konnte ihm das Unverständnis nicht einmal übelnehmen, war doch der Leib des Dieners halbseitig wie diese Hand - entstellt, verkrüppelt, bösartig - genau wie bei jedem anderen Iyo auch. Das Mal der Zlycks, der Fluch ihres Volkes. Seit vielen Generationen verdammte er die Iyo dazu, in diesen Körpern zu leben - zur Hälfte rein und makellos, so wie ihre Vorfahren einst ausgesehen hatten, und zur Hälfte so hässlich und abstoßend wie Dämonen.

Thel ächzte. Die Kälte in seiner Rechten schmerzte ihn, sie zehrte an seinen Kräften. Schweiß brach ihm aus den Poren. Seine Nerven waren auf einmal zum Zerreißen gespannt.
»Elendes Ding!«, keuchte er und starrte das monströse Etwas an seinem Arm, den Grund all seiner Leiden, hasserfüllt an. So ging das nicht weiter. Diese Klaue war mehr als einfach nur ein paar missgestaltete Finger, aber wie sollte Borglan das schon verstehen? Der Diener war nicht so wie er, hatte nicht das getan, was Thel getan hatte. Vermutlich besaß Borglan nicht einmal die leiseste Vorstellung von der Schuld, die sein Herr auf sich geladen hatte, ahnte nicht, welche Qualen er erdulden musste und welch eisernen Willen diese Existenz ihm jeden Tag abverlangte.
Schwer atmend griff sich Thel mit der gesunden Hand an die Brust. Seit über einem Monat schlief er nun schon kaum länger als ein, zwei Stunden am Stück. Mehr wagte er nicht, doch auch so gönnte ihm sein Alptraum nur selten einen Moment Ruhe. Wie sollte er das durchhalten? Früher oder später würde seine Konzentration nachlassen, und dann...?
Thel wusste, was die Folge sein würde, aber er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Er konnte es nicht. Zu viel Schmerz, zu viel Leid war damit verbunden.
»Ich habe mich geirrt, Borglan«, stöhnte er in stiller Verzweiflung. »Ich dachte, ich könnte es schaffen. Aber dieses Leben ist schlimmer als jeder Fluch.«
Er richtet den Blick nach Süden, wo jenseits der tiefen Erdspalte noch heute die Überreste der Zlycksfestung von der einstigen Macht Thovol-Usungs zeugten. Ein Schauer lief über seinen Rücken.
»Gott, ich kann nicht mehr! Ich will, dass es jetzt endlich ein Ende hat!«
Mit pochendem Herzen wandte er sich in die entgegengesetzte Richtung, starrte mit trändenden Augen hin zu jenem einsamen Berg in dem sonst hügellosen Ödland, an dessen Hänge sich die Terassen Dragarsenths schmiegten. Selbst aus dieser Entfernung wirkten die weit über die oberste Stadtebene hinausragenden Türme riesig - an ihren Spitzen die mächtigen Windräder, die sich das ganze Jahr über fast ohne Unterlass drehten.
»Dragarsenth, du stolze Stadt der Iyo..., du letzte Zuflucht meines Volkes. Du darfst nicht untergehen. Niemals!«
Er drehte sich zurück zum Altarstein, öffnete seine Robe und zog das bis dahin darunter verborgene Schwert hervor, um es behutsam auf den Felsblock zu legen. Dann trat er einen Schritt zurück.
»Borglan, du weißt, was du zu tun hast!?«
Der Diener wand sich wie ein Wurm. »Herr, bitte nicht«, flehte er. Ein strenger Blick Thels ließ ihn jedoch sofort verstummen. Vor Angst verzerrte sich sein Gesicht zur Fratze, dennoch fügte Borglan sich jetzt seinem Schicksal und trat an den Altar.
Thel fühlte sich plötzlich ganz ruhig. Nichts auf dieser Welt konnte ihn jetzt noch aufhalten. Langsam streckte er den Arm aus.
»Var'is, Schutzheilige meines Volkes und Herrin der Winde«, rief er inbrünstig und sank vor den starr geweiteten Augen Borglans auf die Knie. »Bitte, vergib mir!«
Er schloss die Lider und hielt den Atem an.
»Jetzt!«
Funken stoben, als Metall gegen Stein prallte. Ein Schrei flog über die Windige Ebene hinweg - kurz und durchdringend. Dann wurde es wieder still.

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  Dragarsenth - gesprochen: Dragarsänt (Betonung auf dritter Silbe)
  Zlycks - gesprochen: Slücks

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